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Hinfallen ist nicht schlimm

Abraham Lincoln, Astrid Lindgren, Steve Jobs, Travis Kalanick – sie alle verbindet, dass sie berufliche Niederlagen einstecken mussten. Lincoln verlor zahlreiche Wahlkämpfe, bevor er Präsident wurde. Lindgren fand keinen Verleger für Pippi Langstrumpf und Jobs wurde mit dreißig von der Firma gefeuert, die er gegründet hat. Auch Travis Kalanick, Gründer und Vorstandsvorsitzender des Fahrdienstes Uber – heute das am höchsten bewertete Start-up-Unternehmen der Welt – stand nicht immer ganz oben. Im Gegenteil: Seine Karriere begann mit einem Reinfall, denn sein erstes Unternehmen musste Insolvenz anmelden. 

Hinfallen und wieder aufstehen, Dreck abwischen und es wieder versuchen. Dahinter steckt der Optimismus, etwas schaffen zu können, wenn man nur nicht aufgibt. So wird Scheitern vor allem in den USA oft nur als Zwischenstation auf dem Weg zu großen Taten gesehen, ja oftmals sogar als willkommene Vorstufe, die wertvolle Lektionen für den späteren Erfolg bereithält. 
Rückschläge gehören eben zum Leben dazu, niemand ist vor ihnen gefeit. Grundsätzlich ist das auch nicht schlimm, denn selbst wenn es oft schmerzlich ist, lässt sich aus vielen Fehltritten etwas lernen und sie helfen dabei, die eigene Persönlichkeit weiterzuentwickeln. Bleibt die Frage, wie das Aufstehen am Ende auch wirklich gelingt. 

Das schmerzhafte Gefühl zu scheitern. Eines vorweg: Eine Niederlage schmerzt! Gerade hatten Sie noch Pläne, Träume und Visionen und mit einem Mal ist davon nichts mehr übrig. Es tut weh zu sehen, wie all das, wofür man hart gearbeitet hat, sich in Luft auflöst. Man wollte hoch hinaus und stürzt nun abrupt auf den steinharten Boden. 
Sicherlich ist es eine Frage der Charakterstärke, im Erfolg nicht abzuheben und ein guter Gewinner zu sein. Aber ehrlich gesagt: Es ist um ein Vielfaches einfacher, ein guter Gewinner, als ein guter Verlierer zu sein. Wer gerade Oberwasser hat, kann sich dementsprechend positiv zeigen, doch eine wirklich starke Persönlichkeit zeichnet sich erst bei Rückschlägen aus. Erst wenn es einmal nicht so gut läuft, zeigt sich, ob sich jemand unterkriegen lässt, oder ob er über genügend Resilienz verfügt, um die Krise zu meisten, zu lernen und gestärkt daraus hervorzugehen. Aber gibt es Eigenschaften, die beeinflussen, wie gut – oder eben wie schlecht – Sie mit Rückschlägen umgehen? Ja, die gibt es durchaus, und die gute Nachricht: Sie können daran arbeiten. 
Selbstbewusstsein. Ohne den Glauben und das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, ist der Weg nach einem Rückschlag besonders schwer. Wenn Sie wollen, dass es schnell wieder aufwärtsgeht, brauchen Sie Selbstbewusstsein. 
Optimismus. Verlieren Sie nicht den Blick für die positiven Dinge. Wenn etwas schief läuft, ist es normal, miesepetrig alles schlecht zu sehen. Doch der Umgang mit einer Krise wird spürbar leichter, wenn Sie davon ausgehen, dass sich alles zum Besten wendet. 
Selbstbestimmtheit. Fühlen Sie sich nicht wie ein fremdbestimmtes Opfer, dem das Schicksal übel mitgespielt hat. Denken Sie daran, dass Sie Ihr Schicksal weiterhin selbst in der Hand haben. 

Für Erfolg gibt es eine Formel, davon sind viele überzeugt. Auch wenn sich Wissenschaftler gelegentlich nicht einig sind, was den größeren Einfluss auf unseren Erfolg hat, Talent bzw. unser Erbgut, die soziale Prägung oder einfach das, was wir im Laufe unseres Lebens daraus machen, so bleiben Talent und Disziplin sicherlich zwei Fixpunkte am Erfolgshorizont. Doch gleich, wie viel Talent oder Fleiß wir mitbringen, wenn wir eine Sache nicht aus voller Überzeugung heraus, aus einem inneren Antrieb und mit Freude verfolgen, können wir langfristig kaum erfolgreich sein. 
Für unzählige Wissenschaftler, Buchautoren und Coaches ist Resilienz das Wort der Stunde. Doch was genau verbirgt sich hinter diesem Begriff? 

Was ist Resilienz? Es gibt die Einen, für die sich die Frustspirale unaufhaltsam nach unten dreht, weil sie resigniert der Meinung sind, die ganze Welt und das Schicksal hätten sich gegen sie verschworen. Und es gibt die Stehaufmännchen. Geraten sie ins Straucheln, halten sie sich an das Motto: Hinfallen, Aufstehen, Krone richten, Weitergehen. Denn sie besitzen eine Eigenschaft, die dem Kollegen im Jammertal fehlt: Resilienz. Resiliente Menschen haben eine gewisse Widerstandskraft gegenüber Rückschlägen oder Krisen. Sie rappeln sich schneller wieder auf als andere. Aber warum ist das so?
Psychologen führen Resilienz auf ganz bestimmte Fähigkeiten zurück. So übernimmt ein resilienter Mensch Verantwortung für sein Handeln, weil er weiß, dass er selbst Einfluss auf sein Leben nehmen und etwas an einer misslichen Situation ändern kann. Er versucht nicht, einen Rückschlag zu leugnen und hat den unerschütterlichen Optimismus, dass sich die Dinge irgendwann wieder zum Positiven wenden werden. Abwarten und Tee trinken reicht ihm nicht, und das ist seine wirkliche Stärke. Er passt sich den veränderten Bedingungen an, zieht Konsequenzen und ändert seine Strategie. Er schafft es, die Krise als Chance zu sehen und gestärkt daraus hervorzugehen. 

Resilienz als Soft-Skill. Arbeitnehmer mit diesen Eigenschaften stehen bei Unternehmen hoch im Kurs. Kein Wunder, denn die permanenten Veränderungen, das Tempo und der Erfolgsdruck im Berufsleben bringen auch immer mehr unvorhergesehene Rückschläge und Schwierigkeiten mit sich. Mitarbeiter, die sich davon nicht entmutigen lassen, sondern nach Lösungen suchen, sind wertvolle Motivatoren für das Team und unersetzlich für das Unternehmen. Wer in der Bewerbung bei der obligatorischen Frage nach den eigenen Stärken Resilienz ins Feld führen kann, wird Personaleraugen leuchten sehen. 

Verantwortung übernehmen, um Feedback bitten. Viele von uns neigen dazu, anderen den Schwarzen Peter zuzuschieben und selbst keine Verantwortung für Rückschläge zu übernehmen. Tatsächlich führen oft viele Faktoren zu einem Misserfolg – und nicht alle liegen in unserem Einflussbereich. Umso wichtiger ist es, für die eigenen Schritte und Entscheidungen Verantwortung zu übernehmen und sich deutlich vor Augen zu führen, was man selbst getan hat, um diesen negativen Ausgang herbeizuführen.  
Je nach Sachlage kann es hilfreich sein, Kollegen oder den Vorgesetzten, also Menschen, zu denen wir keine starke emotionale Bindung haben, um Feedback zu bitten. So erhalten wir einen neuen Blick auf uns selbst und unser Handeln. Sich regelmäßig Feedback einzuholen, hilft dabei, die Orientierung und einen kritischen Umgang mit dem eigenen Schaffen zu finden. Ein gutes Feedback führt uns zum Erfolg, indem es Lernprozesse initiiert und uns dazu animiert, über den eigenen sprichwörtlichen Tellerrand zu blicken. 

Durch Fehler lernen. Fehler machen gehört zu einer der wichtigsten Erfahrungen in unserem Leben. Selten haben wir die Chance, so viel über uns und unsere Umwelt zu lernen, wie in einer Krise oder wenn wir einen Fehler machen. Doch auch Fehlermachen will gelernt sein. Vor allem durch unseren Umgang mit Fehlern entscheidet sich oft, wer Erfolg hat und wer an einer Krise zerbricht. 
Aber nicht nur das eigene Gefühl, gescheitert zu sein, macht eine Niederlage zu einer großen Belastung. Die Angst vor den Reaktionen der Umwelt, wie Mitleid, Missbilligung oder Spott, tut ihr Übriges. Dies schürt Selbstzweifel und verleiht der Niederlage ein solches Gewicht, dass an ein Weitermachen kaum noch zu denken ist. Ein Grund dafür ist die Leistungsgesellschaft, in der wir leben. Menschen werden an ihren Erfolgen gemessen und für Misserfolge und Rückschläge verurteilt oder bemitleidet. Ein wichtiger Punkt dabei bleibt häufig unbeachtet: Niederlagen sind lehrreich, und sie können die Basis für etwas Neues sein. Was allerdings dafür notwendig ist, ist ein konstruktiver Umgang mit Fehlschlägen. Den Amerikanern fällt das leichter als uns. 

Um uns selbst und unsere Fehler besser zu verstehen, brauchen wir vor allem eine neue Kultur des Fehlermachens, einen eigenen positiven Umgang mit den Resultaten unseres Handelns. So heißt es, den Blick zu weiten und sich nicht nur allein auf ein gutes oder schlechtes Ergebnis zu fokussieren. Letzten Endes finden alle unsere Handlungsentscheidungen immer in Kontexten statt und sind meist Teil komplexer Prozesse, wodurch unser Einfluss auf das Resultat nicht immer gleich groß ist. Haben wir das einmal verinnerlicht, gelingt es uns dann auch, unsere Motive besser zu analysieren und dadurch womöglich einen versöhnlicheren Umgang mit den eigenen Fehlern zu finden, ohne an ihnen zu verzweifeln. 
Genau das ist es auch, was resiliente Menschen von anderen unterscheidet: Sie begreifen eine Krise nicht als reinen Rückschlag. Wer in einer Krise nicht verzagt und einen positiven Umgang vor allem mit den negativen Ergebnissen seines Handelns findet, hat die Chance langfristig Lerneffekte zu erzielen. 

Mit langem Atem vorne liegen. In Zeiten, in denen wir durch omnipräsenten Medienkonsum und eine 24/7 Erreichbarkeit von Dienstleistungen und Konsumgütern ständig das Gefühl vermittelt bekommen, überall gleichzeitig sein zu müssen, alles erreichen oder zumindest besitzen zu können, liegt der Schlüssel zum Erfolg in uns selbst. Denn neben Unterstützung, Resilienz, der Fähigkeit sich Feedback zu holen und einem reflektierten Umgang mit dem eigenen Handeln sind besonders Ausdauer und Konzentration gefragt. Das Leben ist eben kein Sprint, sondern vielmehr ein Marathon. Erfolgreich ist demnach der mit dem längeren Atem.
Doch gerade das fällt vielen zunehmend schwer: Die amerikanische Wirtschaftswissenschaftlerin Christine Porath befragte für eine Studie 20 000 Arbeitnehmer, wie leicht sie sich ablenken ließen. Über 80 % erklärten, nicht in der Lage zu sein, sich auf nur eine Aufgabe zu konzentrieren. Zwei Drittel gaben zu, nur schwer Prioritäten setzen zu können. Die Ergebnisse der Studie stehen für eine Generation von Berufstätigen, die verlernt haben, sich zu konzentrieren. Neue Technologien, soziale Medien und Smartphones erleichtern unseren Alltag, sie führen aber auch dazu, dass wir uns immer weiter ablenken lassen. Viele Experten und Psychologen empfehlen deshalb mehr Achtsamkeit, was so viel bedeutet, wie sich auf das Leben in der Gegenwart zu konzentrieren. 
Wer übt, achtsam zu sein, erfährt etwas, das vielleicht der eigentliche Erfolg ist: Er wird wieder der Handelnde seiner eigenen Gegenwart. Denn nur in einer konzentrierten Wahrnehmung des Hier und Jetzt können wir die Realität erkennen. Sie zu erkennen, ist die Voraussetzung für Veränderung und damit für Fortschritt und Erfolg. 

Claudia Nistor, 
Stärkenberatung AG, Hannover

Quelle: DLG Mitteilungen Magazin Beruf & Karriere